JOHANNA      ZEUNER
ev.Theologin   pädagogin   autorin
 

Veröffentlichungen

Seit 1990 Pressebeiträge: "Evangelische Zeitung", Thüringer Landeszeitung und "Cellesche Zeitung" (Kultur, Lokales). In Österreich: Burgenländische Lokalpresse und Kirchenzeitung "Saat". Dort seit 2004 regelmäßige Lyrikbeiträge. Derzeit Mitarbeit bei der "efa" , Zeitschrift der evangelischen Frauenarbeit - und für die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche Wien. Seit 2004 kurze essayistische Hörfunkbeiträge für den ORF. 2010 Veröffentlichung eines religionspädagogischen Praxisheftes. Seit 2012 freie Mitarbeit bei Verdener-Allerzeitung. 2013 Moderation der Sendung "Cultus" zum Thema Reformation, ausgestrahlt auf ORF III und Planet (31.10.2013).

"Cultus" - Reformation --> Zur Sendung

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"20-Minuten-Kirche mit Kindergartenkindern"
Mit Christine Hubka/Johanna Zeuner.
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010
ISBN: 978-3-525-63005-1

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„Nur Ewigkeit ist kein Exil - Schriftstellerinnen im Exil“
In:  Zugereiste - EFA 2/09


"Von der Werbung mit Religion und Religion der Werbung"
In: Glauben und Kaufen - EFA 4/07
Siehe unten

"Prosa bringt das Leben schon genug mit sich"  - Zur Sprache
Dorothee Sölles

In: Sprache der Veränderung - EFA 2/07
Siehe unten

Hörfunkreihe "Das Evangelische Wort":
Handys
Radio Österreich 1, September 2004

Hörfunkreihe "Das Evangelische Wort":
Citykirchenarbeit
Radio Österreich 1, Juni 2006

Hörfunkreihe "Einfach zum Nachdenken":
Wir sind ein Volk
Radio Ö3, November  2008

Hörfunkreihe "Einfach zum Nachdenken":
Von guten Mächten
Radio Ö3, Jänner 2009

Hörfunkreihe "Einfach zum Nachdenken":
Kalender
Radio Ö3, Jänner 2010

"Zigeunercello" - Wolfram Huschke in Concert
In:
Cellische Zeitung 05/2002

"Rüm Hart" - Reinhard Mey am Beginn seiner neuen Tournee
In:
Cellische Zeitung 08/2002

"Der leisen Töne mächtig" - Das Norddeutsche Philharmonische Akkordeon-Orchester
In: 
kreiszeitung.de 10/2012



Artikel in der Frauenzeitschrift "EFA"


„Nur Ewigkeit ist kein Exil - Schriftstellerinnen im Exil

In:  EFA 8/09

Schreiben ist eine Art Exil, ein inneres Exil. Was passierte mit SchriftstellerInnen und KünstlerInnen, die notgedrungen ins Exil gingen? Eine Studie unter dem Titel „Sprache- Identität -Kultur“ zeigte auf, dass Frauen, die dem 3. Reich entflohen waren, das Exil auch als Befreiung empfanden. „Zu dem unermesslichen Leid der Vertreibung gesellte sich die Erwartung in einer neuen Umgebung endlich ein selbstbestimmtes Leben führen zu können“. Gleichzeitig weißt die Studie darauf hin, dass viele im Exil lebende Künstlerinnen auf ‚typisch weibliche Brotberufe’ zurückgreifen mussten, und nicht selten ihren selbstbewussten Stil verließen.
„Ich stand auf und ging heim ins Wort, von wo ich unvertreibbar bin“, schreibt Hilde Domin über ihre ‚zweite Geburt’, das Schreiben, das sie erst in der Lebensmitte, im Exil begann. Zusammen mit ihrem Mann war sie schon 1932 aus Deutschland geflohen. Geboren 1909 in Köln als Tochter eines anerkannten jüdischen Juristen studierte sie Jura, Volkswirtschaft, Soziologie und Philosophie und promovierte in Florenz. Als der Faschismus auch Italien ergriffen hatte, floh das Ehepaar Palm, so ihr früherer Name, nach London. Von dort ging die Exilreise in die Dominikanische Republik weiter. Eine wahre Sprachodyssee, die 1946 mit der „Heimkehr ins Wort“ endete. H. Domin hatte ihre akademische Karriere zugunsten der ihres Mannes aufgegeben. Durch das Schreiben entfloh sie einer Ehekrise, aber auch der Heimatlosigkeit des Exils und bewältigte ihre Trauer um ihre verstorbene Mutter. Sprache wurde ihr zur Insel und so benannte sie sich nach der Insel, in der ihr Weg mit Worten begann, der dominikanischen Republik.
Hilde Domin schrieb eine engagierte Lyrik, die die Poesie nie verlor, so leicht, wie so leicht kein Mann es vermochte. Mit vorsichtigem Strich verstand sie sich als eine, die auffordert zu einer gerechten und friedensfähigen Gesellschaft. „Ich kam als Ruferin zurück“, schrieb H. Domin über ihre Rückkehr nach Deutschland 1954, genauer nach Heidelberg, der Stadt die ihr „Wohnsitz im Wort“ werden sollte bis zu ihrem Tod 2006.
Dieser Sinn für Versöhnung und Solidarität, der ihren Gedichten anhaftet, ist ein Ergebnis ihrer Biographie. Ohne Verbitterung kehrte sie als Jüdin, die den Holocaust nicht selber erleben musste, nach Deutschland zurück und leistete mit ihren Worten einen unverzichtbaren Beitrag zur Versöhnung, gerade für jüngere Generationen. Sie las in Schulen, Kirchen und Gefängnissen. Noch einige Jahre pendelte sie jedoch auch zurück in ihre alten Exilorte. So konnten Gedichte entstehen, welche die Erfahrung des Exils authentisch reflektieren. Ihr Schreiben begann mit einem ausführlichen Briefwechsel mit ihrem Mann aus dem Exil, und es blieb dialogisch. Sie führte eine »fast schwesterliche Korrespondenz« mit der im schwedischen Exil lebenden Nelly Sachs. H. Domin hat sich auch sprachtheoretisch betätigt. Das Gedicht als “Ort der Freiheit”, als “magischer Gebrauchsgegenstand”, das Poetische als “unspezifische Genauigkeit” sind Formulierungen, die sie für die Frankfurter Literaturvorlesungen fand. Hilde Domin verfolgte das Konzept einer politisch engagierten und dialogischen Dichtung, deren Magie in ihrer Klarheit, Lebendigkeit und Linearität steckt.

„Lyrik entsteht mehr aus Leid als aus Freude. Der Mensch kann sich durch das Schreiben von Gedichten befreien… Ich nenne es eine Gnade, wenn man kreativ werden kann“. (Befreiung durch Schreiben. Interview mit Hilde Domin)

Gewöhn Dich nicht
Du darfst Dich nicht gewöhnen
Eine Rose ist eine Rose
aber ein Heim ist kein Heim

Hilde Domin

„Mutterland Wort“ - Anders als Hilde Domin hat Rose Ausländer eine klare Heimat für Ihre Sprache. Sie wird 1901 in Czernowitz/ Bukowina als Kind jüdischer Eltern geboren. Die „buntschichtige Stadt“, wie sie sie selber nannte, war zur Zeit ihres Literatur- und Philosophiestudiums ein lebendiges kulturelles Zentrum der österreich-ungarischen Monarchie. Eine Heimat allerdings, die verloren ging. Schon als Schülerin machte sie mit ihren Eltern die erste Fluchterfahrung vor den Wirren des 1. Weltkrieges u. a nach Wien. Nach Czernowitz kehrte sie mehrfach zurück: 1921 und 1931 nach Aufenthalten in den USA, sowie 1939 um ihre Mutter zu pflegen. Sie geriet in die Zeit der deutschen Besatzung, konnte sich aber im Getto retten. Dort machte sie ihre erste Begegnung mit Paul Celan. Sie emigrierte nach dem Krieg ein drittes Mal in die USA: Ab diesem Zeitpunkt schrieb sie ihre Gedichte in Englisch. Eigentlich war sie zeitlebens unterwegs, die letzten zehn Jahre ihres Lebens war sie ans Bett gebunden. Ihren Lebensunterhalt bestritt R. Ausländer durch Übersetzungen, Englischunterricht und journalistische Arbeiten, aber auch als Bankangestellte und Krankenschwester in einer Augenklinik.
Ihren ersten stürmisch gefeierten Gedichtband ‚ Der Regenbogen’ veröffentlichte sie 1939 in ihrer Heimatstadt Czernowitz. 1957 traf Rose Ausländer in Paris ein zweites Mal auf Paul Celan. Diese Begegnung veränderte den Stil der damals 55jährigen einschneidend: sie schrieb wieder auf Deutsch. Beweggrund genug noch einmal die ‚Heimat’ zu wechseln, und ganz und gar anzukommen im ‚Mutterland Wort’. 1965 ließ sie sich in Düsseldorf nieder, von dort aus war sie ‚in Europa unterwegs’, so lange sie konnte. Ihre letzten Lebensjahre waren trotz Krankheit sehr produktiv. Das ‚leichte wandelbare Wort’, das ihre Sprache war, hat bis zum Schluss ihre Heimat geatmet - in der Farbigkeit ihrer Bilder und in ihrem spielerisch ernsthaften Ton.

Mutterland
Mein Vaterland ist tot
sie haben es begraben
im Feuer

Ich lebe
in meinem Mutterland
Wort

Rose Ausländer

Johanna Zeuner


„Von der Werbung mit Religion und Religion der Werbung“
In: Glauben und Kaufen, EFA 4/07


„Wir geben ihrer Zukunft ein Zuhause“, lautete ein Werbeslogan , der mich durchs Leben begleitet wie ein biblischer Spruch - früh wurde mir bewusst : Werbung kann das – was wir als Kirche brauchen: Die Menschen plakativ erreichen mit dem, was uns ‚unbedingt angeht’. Da wird in wenigen Worten und Bildern eine Botschaft kreiert , und dem Zuschauer mit allen Spielarten des Unbewußten unterbreitet.

Weihnachtszeit – Werbezeit. Mehr als irgendwann sonst im Jahr boomt das Geschäft mit religiösen Bildern und Anspielungen. Ganze Heerscharen von Engeln und Christkindeln sind auf den Bildschirmen unterwegs – außerdem läuten kaum sooft Glocken , süßer die Glocken nie klingen, denn alle Jahre wieder zum Weihnachtsgeschäft. Da sage niemand Religion sterbe als Thema in unserer Gesellschaft aus. Davon ich singen und sagen soll: sie wird gut vermarktet. Seit 15 Jahren hat die Werbung eine Marktlücke entdeckt, zwischen Krise und Tradition, mit der zu werben es sich lohnt : Die Religion. Ich sage bewusst ‚die Religion’ , denn es ist egal, ob eine bekannte Automarke vor einer orthodoxen Kathedrale Halt macht oder ein Kreuzfahrtschiff im Lichte einer Buddhastatue vor Anker geht: Die Aussage ist die Gleiche: religiöse Motive verleihen dem zu bewerbenden Gegenstand die gewisse Aura, den besonderen Glanz , gewissermaßen einen Heiligenschein , mit dem sich ein Produkt verkaufen lässt - und : religiöse Themen sind Tabu, das zu brechen es sich für die Werbemacher lohnt – etwas , worüber man stolpert und das braucht es in der Werbung.

„Glauben + Kaufen“ nennt sich eine viel frequentierte Internetseite der beiden katholischen Religionspädagogen Andreas Fuchs und Hagen Horoba, auf der mittlerweile mehr als 600 Werbungen aufbewahrt sind. Die beiden schreiben: „Werbung benutzt religiöse Motive, um aus Menschen Kunden und aus Kunden Markengläubige zu machen. Dabei baut sie auf die im Verborgenen des Menschen noch schlummernde religiöse Basis“. Kritisch sehen sie, dass sich Werbung einerseits religiöser Anspielungen von Schöpfung und Versuchung bis zu Endzeitmotiven bedient, andererseits sich selbst zur Religion macht und erhebt.

Dass Werbung religiöse Motive nutzt, macht sich seit einigen Jahren die Religionspädagogik zu gute. Laut den evangelischen Religionspädagogen Uwe Böhm und Gerd Buschmann trifft sich hier die Lebenswelt der Schüler mit der der Religion. Hier, im Bereich der Popkultur und ihrer Religiosität kann man sie ‚abholen’. Durch die Analyse von Werbungen erschließen sich Schüler religiöse Inhalte. Eine Internetseite unter dem Namen „ReliRallye“ lässt Schüler über eine Werbung zurück zum biblischen Text kommen: Eine erfolgreiche Bankenwerbung unter der Überschrift : „Wir machen den Weg frei“ führt die Schüler Geschichte vom Auszug aus Ägypten, eine Autowerbung, die mit Motiven des Paradieses wirbt lässt sie die Schöpfungsgeschichte lesen und entdecken. Eine evangelische Schülergruppe in Wien hat den Versuch gemacht nach einer Analyse von Werbungen, die mit religiösen Motiven spielen, die Schüler selber Werbung für ihre Kirche zu machen zu lassen – eine davon lautet: „Kirche? Bingo!“ eine andere „Glauben macht frei“.

Eins ist in der Arbeit mit Werbungen im Religionsunterricht auffällig. Die Schüler entziffern eher die Bilder als den Text. Ist das eine Zeitanzeige? Hat das ‚Recycling’ von religiösen Bildern und Mythen auch ein Ende, ein Ablaufdatum? Kann man Bilder nur wieder oder besser erkennen, wenn man sie im Original kennt ? Vielleicht nicht ohne Grund sind in den letzten Jahren auch allgemeine, eher philosophische Lebensweisheiten in den Fordergrund von Werbung getreten.

Was übrig bleibt in dem seit 20 Jahren blühenden Werbegeschäft mit Religion ist ebenso klischeehaft wie subtil.

Kann Kirche etwas von den Tipps und Tricks der Werbemacher lernen? Der Jesuit und praktische Theologe Martin Löwenstein meint:“ Von guter Werbung können die Kirchen lernen, wie man komplexe Botschaften knapp und klar erzählt“. Es sei allerdings eher der erzählende Film als der Spot oder das Plakat ein geeignetes Medium für christliche Werbung.

Die feministische Theologin Antje Schrupp äußert, man müsse sich vor einem Missbrauch christlicher Symbole in der Werbung nicht fürchten. Sie sieht die Verwendung christlicher Tradition in den Medien positiv: „Ist es nicht eigentlich erstaunlich, dass das Wecken von persönlichen Erinnerungen mit religiösen und gerade auch mit christlichen Anspielungen immer noch so gut funktioniert?“ Ähnlich äußern sich auch die Regensburger Religionspädagogen Fuchs und Horoba. Eine ihrer 6 Thesen zum Thema „Glauben + Kaufen“ lautet: Religion bleibt in der Öffentlichkeit durch Werbung ein Thema, wenngleich nicht mehr unbedingt angebunden an die Sprache und Institutionen der Kirchen.

Einerseits also wird durch die Werbung mit Religion eine Erinnerung an christliche Inhalte in der Öffentlichkeit wach gehalten, andererseits geschieht dies sehr klischeehaft. Ein wenig frage ich mich, ob das Geschäft mit den religiösen Zitaten noch lange so gehen kann, und ob wir uns als Kirchen eine Reduzierung auf Klischees in dieser Form weiter gefallen lassen sollen? Oder ob nicht doch die Kirchen sich dieser Werbestrategien wieder selber bedienen sollen. Noch immer träume ich von einem Plakat, auf dem in großen Lettern steht: „Schau hin : Gott “ - oder so ähnlich.


Literatur :

A. Schrupp: Nichts ist unmöglich, in : Evangelisches Frankfurt, 2001

M. Löwenstein, Religion in der Werbung , Tag des Herrn, Dresden 2000

G. Buschmann/M.Pirner: Werbung, Religion, Bildung . Kulturhermeneutische, theologische , medienpädagogische und religionspädagogische Perspektiven, Frankfurt 2003

          www.glauben-und -kaufen.de
          www.rpi-loccum.de/buexod.html

Werbeslogans mit christlichem Hintergrund:
• "Nichts ist unmöglich" (Toyota) - Matthäus 17, 20, Lukas 1, 37
• "Wer Ohren hat zu hören, der höre" (World of Music) - Markus 4, 9
• "Mein Blut für dich" (Deutsches Rotes Kreuz) - Matthäus 26, 28
• "Ihr guter Stern auf allen Straßen" (Mercedes Benz) - Matthäus 2, 9
• "Ich will" (Audi) - Trau-Ritus




„Prosa bringt das Leben schon genug mit sich“ – Zur Sprache Dorothee Sölles
In: Sprache der Veränderung - EFA 2/07

Die herkömmliche Sprache, auch die Sprache der Theologie, leidet an Abnutzung. Gegen diesen Verschleiß eine „Sprache der Heimat“ zu finden, war ein zentrales Anliegen der deutschen Theologin Dorothee Sölle. Ihre Gedichte und Gebete sind ein Versuch einer neuen Sprache, der Theopoesie. Ein Beitrag von Pfarrerin Johanna Zeuner.


D. Sölle (1929-2003) ist zur Leitfigur einer ganzen Generation von TheologInnen, vornehmlich in Deutschland, aber auch in den USA und in Europa geworden. Ihre Stimme, die auf den Deutschen Evangelischen Kirchentagen viele erreichte, bleibt im Gedächtnis: aufbegehrend und leise, beschreibend und direktiv. Die studierte Germanistik, Philologie und Theologie, habilitiert 1971 über den Grenzbereich von Sprache und Theologie - ein Thema, dass sie lebenslang theoretisch wie praktisch verfolgte. Ihr Erfolg ist auch darauf zurückzuführen, dass sie so schrieb und sprach, dass man/frau auch emotional einen Zugang zu ihrer Gedankenwelt finden konnte. Viele Gedichtbände von ihr sind im Stil der konkreten Poesie erschienen.
Sölles Gedichte muten manchmal herb und gegenständlich an, oft genug sind sie jedoch auch klar und poetisch, vielleicht mystisch-gegenständlich. Gedicht und Gebet sind für Dorothee Sölle sehr nahe beieinander. Sie meint, es gibt Poeten, die man „ohne die Kategorie, die ich Gebet nenne, gar nicht verstehen kann“ und nennt I. Bachmann und P. Celan.
Sie geht von einer Abnutzung unserer Sprache, auch der religiösen aus, wie sie unter anderem in der Werbung sichtbar wird. Sie schreibt, „religiöse Sprache, wohin man sieht: die Sünde, das Kapital nicht richtig anzulegen, der Glaube an die heute gelebten Träume oder das Vertrauen auf ...“
Dagegen gelte es „eine Sprache der Heimat“ zu finden. Ihr Zweifel an der herkömmlichen Sprache der Theologie ist dabei groß. In ihrem Buch „Das Eis der Seele spalten“ sagt sie 1997 „Theologietreiben ohne Gebet, ohne Theopoesie scheint mir überflüssig“. Gebet versteht sie dabei als eine Hinreise zu Gott, die nicht nur sprachlich sein muss. Auch Tanz, Musik, oder Askese sind für sie Formen des Gebets, denn „Beten heißt, Gott Antwort gebend leben“. Grundvoraussetzung des Gebets ist Konzentration und Aufmerksamkeit. Dies zeigt auch die knappe Sprache, die sie in vielen Gedichten verwendet.
In einem Gedicht, das deutlich die Züge eines Gebets trägt heißt es:
„Gib mir die Gabe der Tränen Gott / gib mir die Gabe der Sprache/ gib mir das Wasser des Lebens“
Leid und Wortfindung sind auch hier ähnlich wie bei H. v. Bingen nah beieinander.
Die Sprache der Mystik, das „Stille Geschrei“’ - so der Untertitel ihres Mystikbuches - wurde ihr zur Verbindung von Widerstand und Frömmigkeit, niederknien und aufrechtem Gang, Klage und Gotteslob“ schreibt ihr Mann F. Steffensky über die 2003 im Alter von 73 Jahren Verstorbene.
Gegen allen Aktionismus, den man der Befreiungstheologin Sölle immer wieder vorgeworfen hat, stellt er ihre Sehnsucht und ihr Wissen um das „ohne Warum“ des Glaubens (M. Eckart), dessen sie mächtig war.
Den Satz D. Sölles „Gott hat keine anderen Hände als unsere“ kann man auch so verstehen: Gott hat keine anderen Worte als unsere.

Johanna Zeuner

„Beten bedeutet, sich sammeln, nachdenken, Klarheit gewinnen, wohin wir eigentlich leben, was wir mit unserem Leben wollen; Gedächtnis haben und darin Gott ähnlich werden.“
In: Das Fenster der Verwundbarkeit, Stuttgart 1987



Literatur :

D. Sölle: Spiel doch von Brot und Rosen, Gedichte
Berlin 1981
D. Sölle: Das Eis der Seele spalten, Theologie und Literatur in sprachloser Zeit
Mainz 1996

Die evangelische Frauenarbeit in Österreich




 

Hörfunk

Einfach zum Nachdenken

In dieser Reihe, die jeweils Sonntags bis Freitags zwischen 21:57 und 22:00 Uhr auf Ö3 ausgestrahlt wird, sind regelmäßíg Beiträge von mir zu hören.
Zur Übersicht mit den nächtsten Sendungen

Eine Auswahl bisheriger Beiträge:

„ Stimmen im Raum“
Ö3-Sendung vom 29. November 2009
  Die Audiodatei dazu

„Wo Bücher brennen“
Ö3-Sendung vom 09. November 2009
  Die Audiodatei dazu

 

Das evangelische Wort

Auch in dieser Reihe, die jeweils Sonntags  zwischen 6:55 und 7:00 Uhr auf Österreich 1 ausgestrahlt wird, finden sich einige Beiträge von mir.


"Handys"
Österreich 1, Sonntag, 19.09.2004

  ORF-Beitrag

Neulich war ich im Urlaub. An der See. Da schaltet man ab. Gewöhnlich. So dachte ich. Wellenrauschen nimmt einen hinfort. Trägt mich heraus aus der Alltagswelt. Nein ich will, ich wollte gar nicht mehr verbunden sein, - ich wollte vergessen am Meer.

Dann aber machte ich folgende Beobachtung. Männer mit Handy laufen durch das Seebad. Managen, verwalten, fixieren ihr nächstes Date, ihre nächste Krise. Ich traute als Kurseelsorgerin, die ich an diesem Ort war, meinen Augen nicht.

Und dessen nicht genug. Mein nächster Abendspaziergang endete profan, unweigerlich hörte ich ein Gespräch mit zwischen den Daheimgebliebenen und einer Frau im Strandkorb über Gott und die Welt am Handy, so als sei man eben zuhause und nicht am Strand. Ein Gespräch über den Gartenzaun mitten am Meer.

Diese Dimension unserer schönen neuen Handywelt war mir bis dahin noch nicht bewusst. Stimmte mich als Seelsorgerin bedenklich. Ich kam ins Fragen: Nehme ich mir, nehmen sich meine Miturlauber da nicht einen wesentlichen Bestandteil dessen, warum sie, warum ich - das traute Heim, die eigenen vier Berufswände verlassen haben?

Schalten wir nicht mehr ab? Ist die Sehnsucht verbunden zu sein größer geworden, als das Bedürfnis nach Ruhe und Gelassenheit; nach dem Gegenteil von Stress? Und ist der Druck zu funktionieren für manchen vielleicht wichtiger geworden als die Notwendigkeit wirklicher Entspannung? „Sorget nicht“ (Matt. 6) heißt es doch in der Bibel und das heißt doch auch: „Schaltet mal ab, klickt Euch aus, aus dem Netz“.

Noch etwas wurde mir dort im Urlaub erneut klar, denn auf einer stillen Insel ohne Autoverkehr und Alltagslärm, fällt es einem besonders auf: Wir hören zu - bei fremden Handygesprächen, wider Willen, amüsiert, neugierig, je nachdem.

Leben wird transparent dadurch, neu - aber bleibt unser Lebensgeheimnis, von dem die Bibel sagt, jeder Mensch sei einzigartig, eine Erfindung Gottes, dabei weiterhin gewahrt?

Manchmal ist es mir, als wollen gerade junge Menschen ihre Kommunikationsfähigkeit - so ein Schlagwort der Jahrtausendwende -, ihr verbunden Sein zu Markte tragen und unter Beweis stellen. Als suchen sie öffentlich Anschluss - so cool.

Verändert sich also etwas, schleichend, revolutionär durch die neuen Formen der Kommunikation, die einst im Computer ihren Anfang nahmen - auch unter uns und in unserem Lebensstil?

Derzeit ziehe ich um, vom Burgenland nach Wien, dabei räume ich meine Mails und SMS auf. Lösche einst Gesagtes und entdecke: wir schreiben, auch so neu Geschichte, Lebensgeschichte, löschbar, vergänglich, anders als früher, keine Briefe kein Tagebuch. Leichte Notizen, Spuren der Wirklichkeit - gespeichert auf Zeit?

Mails und SMS -neue Kurzformen, die im Dialog entstehen - hier und da sogar eine neue Form der Poesie - vielleicht...

Nein ich will das nun schon fast in die Jahre kommende Handy nicht verteufeln.Seit ich Pfarrerin in Österreich bin, bin ich stolze Besitzerin eines Diensthandys. Die evangelische Kirche hat ihre Mitarbeiter vernetzt.

Die Wege sind damit kürzer geworden. Die Kommunikation untereinander wird gefördert.

Ja, Ich genieße diese neue freie und leichte Art des miteinander Redens . Aber ich spüre auch dies. Ein Handy verleitet zum Plaudern, zur Kommunikation um der Kommunikation willen. Ich glaube schon, es verändert unsern Stil, miteinander zu reden und wahrscheinlich auch unsere Art zu erleben. Schnell sind wir dabei uns mitzuteilen. Die Dinge, wie es in der Bibel heißt „in unserem Herzen zu bewegen“, wird uns durch diese elektronischen Spielarten des Smalltalks vielleicht zunehmend fremd.

Wenn es gut käme, und auch so möchte ich diese neue Form der Kommunikation verstehen, dann entstünde, dann entsteht schon, über die Handy- und Mailkultur eine neue Form der sozialen Kommunikation. Dann sind auch alte Menschen demnächst im Netz und Unfälle noch schneller erreichbar.

Wenn es gut käme, dann entstünde über die Handy- und Mailkultur eine neue Form der Seelsorge, auch untereinander. Ein auf den anderen hören.

Johanna Zeuner

 

 

 






              Kulturbeiträge "Cellische Zeitung"


‚Zigeunercello’ – Wolfram Huschke in Concert
In : Cellische Zeitung 05/2002


Feuer im Finger - Ruhe im Blut. Zum zweiten Mal zauberte Wolfram Huschke dem Celler Publikum einen atemberaubend ungewöhnlichen Celloabend.
Da sitzt er auf der Bühne: Zur linken das alte Cello, das er virituos zu spielen weiß, zur linken das Elektrocello mit dem er „geilen Krach“ macht. „Schauen wir mal, wo die Töne so hin laufen“. Er beginnt mit einer Partita von Bach, die er bewusst und zielgenau spielt. Dann schlägt der Bogen um und die Finger laufen mit, in einen ganz anderen, total harten Sound. Wer genau hinhört, erkennt altes DDR-‚Kulturgut’ wieder. An „City“ erinnert auf den sanfteren Strecken seine Musik. Er spielt mit Obertönen die alles irgendwie schweben lassen und mit Bässen, tiefen harten Tönen, so dass der Bauch zu vibrieren beginnt.
W. Huschke ist ein Individuum. Seine Musik lebt von Extremem und von Spannung. Er findet für sich und sein Publikum eine Harmonie, die zwischen J.S.Bach und J.Hendriks lebt.
Huschke hat in der CD-Kaserne ein breites Programm gezeigt. Da waren Balladen: Erst kommt das Cello, dann tritt seine tiefe weiche Stimme hinzu alles endet irgendwo, in einer nicht genau identifizierbaren nordisch klingenden Sprache. Da waren Classics: Immer wieder, aber wunderschön spielt Huschke Bach. Er verführt sein Publikum, das eher auf die harten Töne steht, mit dem alten Mann aus Ostdeutschland. Und dann halt harter Rock. Zwischendrin schwingt er sich zum Musikkabarett auf, die Nationalhymne der DDR endet abrupt im tiefen Desaster, er ahmt Tiere und Menschen auf seinem Griffbrett nach. Kinderlieder, Abendlieder- vieles Bekanntes mündet in Huschkes Sound. Er kann anmutig melodiös sein, und kurz darauf fast sein Cello zersägen.
Huschke ein Exot ? Ein virituoser Cellist, der sich mitteilt, der anspielt und aufreißt, der verklingen lässt. Manche seiner Melodien sind einfach, so dass das Publikum mitsummen kann, andere tierisch komplex. Die Show des gebürtigen Weimaraners, der vor der Wende in den Westen kam, ist eindrücklich. Er drängt sich nicht auf und ist den Hörern trotzdem nah.
Celle, Cello ? Huschke muß die CD- Kaserne gefallen, schon im Herbst stand er hier auf der Bühne.
Huschke ein Zigeuner. „IrgendwoNirgendwo“ lautet sein persönliches Motto. Er ist bei sich, wenn er bei seinem Cello ist. Und sein Publikum ist dann bei ihm. Zwischen Straßenmusik und Mozarteum, zwischen Hardrockkaffe und Gewandhausorchster spielt sich sein Leben ab . Auf seinem Cello erzählt er Geschichten davon.


Johanna Zeuner
                                                                           

„Rüm Hart“ - Reinhard Mey am Beginn seiner neuen Tournee
In : Cellische Zeitung 08/2002

 „Ich hab Sehnsucht nach wahren Menschen“ sagt Reinhard Mey. Er steht da, unplugged, nur eine Gitarre, seine Stimme, mehr nicht. Nach zwei Jahren Studioarbeit hat Mey das Licht der Bühne wieder erblickt. Celle lautete die zweite Station seiner am Donnerstag begonnenen Tournee. Fit wie ein Turnschuh, fröhlich bedacht, sprang der Renomier der deutschen Liedermacherszene, der im Dezember seinen sechzigsten Geburtstag feiert, über die Bühne der Congress Union. Für sein neues Programm „Rüm hart“ erntete er standing ovations.
Es schien, als sei der alte Mey, der ohne Effekte und mit einer frischen Brise an politischem Bewusstsein, auferstanden. In der ersten Hälfte des Konzertes zeigte sich Mey von seiner moralischen Seite, die nicht mehr die pathetische Betroffenheitsluft der vergangenen Jahre atmet. Sein Engagement für die „wahren Menschen“, wie er sie nennt, für Ausländer, Kinder, und „die vielen, die es immer noch davon gibt“ scheint ungebrochen. „Weil man selten von ihnen spricht, hab ich gedacht sing ich halt drüber“ plaudert der große Barde mit dem Celler Publikum. „Rüm Hart“, der Titelsong seiner neuen CD, spricht von einer Art zu leben, die weitherzig ist. „Sei wachsam“ rief er seinen Hörern zu. Mit seinem neuen Song „Aber heute“ räumt er sich selbst jedoch dabei ein, ab und zu auch abzuspannen und mit „voller Breitseite“ zu leben.
Mit „Ich hab Sehnsucht nach wahren Menschen“ zeigt sich Mey als Entertainer, der einen unverwechselbaren Sound behält - über das Windgetöse der musikalischen Moden hinweg. Intensiver nur, so will es scheinen, werden nun manche seine Lieder. „Rüm hart“ ist eine Liebeserklärung an die friesische Wahlheimat des Königs der deutschen Liedermacher. Kein „Gernegroß“, wie er in einem seiner neuen Songs spottet, will er sein. Die Ehrlichkeit der Dinge , die wahren Werte , klagt er ein - mit stimmigen Geschichten auf der Gitarre, mit seiner unwiederbringlich warmherzigen und doch behauptenden Stimme. Alltägliches rückt er ins Licht, besieht und besingt es unter seiner musikalischen Lupe. Seien es die „Pöter“ von Westerland, oder „die Zettel meiner Frau“, auf die Mey eine ganze Ode dichtet.
War die erste Hälfte des Konzertes in Celle nachdenklich, aber nicht schwer, erinnerte auf’s Neue an den alten Mey, schlug die zweite Hälfte unterhaltsamere Töne an, wie man sie aus den 80ziger und 90ziger Jahren von ihm kennt. „Rüm Hart“, die neue CD, die Mey mit seiner fast ausverkauften Tournee vorstellt, birgt eine wilde aber harmonische Mischung an neuen Titeln, leider nicht unplugged. Sie enthält Credos auf das Land in dem er lebt.
Spannend wie sein Auftritt, ist auch das Publikum Meys, das sich von 75 bis 15 Jahren hineinnehmen lässt in die runde Welt seiner kritischen Töne. Mey singt von der Gehaltenheit, vom Heil im Unheil, er lässt sich nicht beirren. Mey - ein Mann ohne Effekte. Nur ein einziges Mal wird auf der Bühne etwas eingespielt: „Der kleine Reinhard circa 60 Jahre mit grauen Haaren hat sich in der Dessousabteilung verlaufen und gehört abgeholt“.
Freundliche Lacher produziert der Chansonier mit der sympathischen Stimme, der seit 35 Jahren über einer Realität wacht, die er liebt. Bodenständig sind seine Lieder geworden. Immer wieder sind es ‚Liebe, Freiheit ; Abschied’ - drei große Themen, die er groß besingt. Als er „Mein Land“ anstimmt, kurz vor der Wahl in Celle, atmet der Saal tief und auf.
Mey im Herbst 2002 - ein Prediger, ein Prophet, ein Smalltalker über den „Sinn des Lebens“, der Lieder schreibt mit Macht.


Johanna Zeuner